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Hummer H1: Aussterbender Dinosaurier | Die Weltwoche, Ausgabe 10/2010 | www.weltwoche.ch
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10.03.2010, Ausgabe 10/10

Hummer H1

Aussterbender Dinosaurier

Die Welt wird ohne den Hummer ärmer, langweiliger. Aber natürlich auch vernünftiger.

Von Ulf Poschardt

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Nicht einmal die Chinesen wollen den Hummer. GM kann das einstige Dingsymbol amerikanischer Wehrhaftigkeit nicht verkaufen. Jetzt soll die Marke abgewickelt werden. Für Freunde der Automobilkultur ein Akt mit hoher Symbolkraft, nur noch zu vergleichen mit dem letzten Hubschrauber auf dem Dach der US-Botschaft in Saigon, der 1975 die übriggebliebenen Landsleute aus Vietnam rettete. Dieses Auto war von Anbeginn seiner Karriere im zivilen Markt marginalisiert. Eher Wagenburg als Wagen, spiegelte es eine Unverletzlichkeitsfantasie. Zuletzt wurde es nur mehr in der Travestieversion als weisse oder gelbe Stretchlimousine in grossen Städten gesehen. Dem Hummer, durch Ausmass und Erscheinung sowieso im Grotesken angesiedelt, blieb nur mehr die Überzeichnung ins Komische.

 

Kampferprobter Edelstahl

1979 wurde der Hummer von AM General für die US-Armee entwickelt. Damals wurde er noch HMMWV genannt. Im Golfkrieg transportierte er Soldaten in der Wüste, in Beverly Hills dagegen Arnold Schwarzenegger und Andre Agassi, die als echte Männer durchgehen wollten. Seit 1992 war es auch Zivilisten vergönnt, die dreieinhalb Tonnen kampferprobter Edelstahl durch Vorstadtsiedlungen zu manövrieren. In engen Innenstädten, verwinkelten Parkhäusern oder normal dimensionierten Parklücken wird der Auto-Alien zum Alptraum selbst für erfahrene Lenker. An der Tankstelle werden dreissig Liter Diesel pro hundert Kilometer fällig.

 

Seit Anfang des 21. Jahrhunderts gibt es den H2, eine Art Nano-Hummer. Gebaut wurde der leicht geschrumpfte Über-Jeep von General Motors. Ausgerechnet Arnold Schwarzenegger, damals noch weit von seinen Gouverneurswürden entfernt, fungierte als Designberater. «It has my sense of style, humor and natural good looks», so kokettierte der Hollywoodstar und monetarisierte eine Seelenverwandtschaft zwischen Fahrer und Hummer. Ebenso zwingend gerieten die Auftritte des Hummer in Hip-Hop-Videos und Pornoproduktionen. Rapper Coolio wurde in einem Hummer verhaftet, weil er in seinem Privatpanzer eine Allmachtsfantasie erlitt und darauf bestand, auf der falschen Strassenseite zu fahren.

Es hat nichts geholfen, dass General Motors das kampferprobte Gefährt in mehrfacher Ausführung ans Rote Kreuz spendete. Seine Zeit ist vorbei. Dinosaurier sind zu gross, um als Autos zu überleben. Die Welt wird ohne den Hummer ärmer, langweiliger, aber natürlich auch vernünftiger. Neueste Nachricht vom Ticker: GM verlängerte die Verträge mit Hummer-Händlern um knapp zwei Monate. In einer Art Speed-Dating soll noch ein Investor gefunden werden. Vermögende Schweizer können sich bis zum 1. Mai melden.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 10/10
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